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Brief an Marie /13. Dezember

Liebe Marie,

ich danke dir, dass du mir und uns allen so viel aus deinem Leben erz?hlt hast und will nun mal versuchen, dir zu antworten. Es gibt manche Gemeinsamkeiten, wie die traumatisierte Mutter und der eigene Missbrauch, das sich erleben als ?Nichts?, wie ich es aus deinem Gedicht heraush?rte. Anderes ist wieder ganz anders... Wenn du zum Beispiel von deiner tiefen Beziehung zu Jesus erz?hlst, ist das etwas mir v?llig fremdes. Ich sp?re, wie zum Beispiel auch bei Ninja, die gro?e Kraft, die von dieser ganz pers?nlich erlebten Beziehung ausgeht. Aber ich kann all das rettende, das ich erfahren habe, nicht mit Jesus in Verbindung bringen. Und gerade deine Schilderung macht mir sehr deutlich, dass diese Erfahrung eben wirklich Geschenk ist.
Auch war es f?r mich trotz allen Bem?hens nicht m?glich, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden, der mich irgendwie integriert. Anders als bei dir standen meine Wege auch nach meinen leidvollen Kindheitserfahrungen unter keinem guten Stern... alles wiederholte sich nur unaufh?rlich ? mit sicherem Griff erwischte ich die Therapeuten, ?rzte, Pfarrer, Freunde, die erneut verletzten und gar missbrauchten. Immer wieder, bis mein K?rper sich g?nzlich verweigerte... Jahre k?mpfte ich um mein Leben... Die totale Krise begann vor drei Jahren und dauerte 9 Monate. Ich lebe noch... Das Dunkle hat nicht gesiegt. Vieles hat sich seither ge?ndert, so klein schrittig, dass ich es kaum bemerkte ? aber jetzt im Abstand doch sehe. Die gr??te Ver?nderung vielleicht, dass meine panische Angst vor dem Tod nicht mehr da ist ? durch die Erfahrungen, die ich DAHEIM nenne. Nur traurig bin ich manchmal, dass mir kein ?richtige? Leben verg?nnt sein soll. Dass ich nicht kann, wie alle... Dass ich keine Gemeinschaft erfahre ? nicht im allt?glichen Leben. Sondern immer wieder ?nur? von ganz woanders her mich als eingebunden erfahre ? da geht es mir genau wie Joe: manchmal ist es eben ein ?nur? ? m?chte ich auf tiefe Spiritualit?t gerne verzichten, wenn ich daf?r ganz einfach leben d?rfte...

Mein Glaubensweg hat viele Stationen... Ich glaube, am bestem kann ich sie anhand eines meiner Gedichte beschreiben. Es beginnt mit:

Als ich mich gegen Gott erhob
Und voller Zorn einen Stein warf
Auf Gott, den Sadisten,
Traf ich nur ein Bild,
Und das Bild zerriss.



Mein erster Kontakt mit ?Gott? und seinen Vertretern war einfach so, dass ich nur aufbegehren konnte. Es war einfach zu extrem...
Ich komme aus einer sehr katholischen Familie, bei der die Past?re ein- und ausgingen. Vater und Gro?vater Kirchenmusiker. Eine Familie, in der Frauen und Kinder missachtet und missbraucht wurden. Einen meiner ersten psychischen Totalaussetzer hatte ich, als mein Gro?vater w?hrend des Gottesdienstes sein ?Christe du Lamm Gottes? von der Empore herabsang ? nachdem er nachts zuvor, als Oma schlief, in mein Bett gekommen war und mich zu sexuellen Handlungen ?berreden wollte... Ich habe ihn rausgeschmissen ? und er sprach danach nie wieder ein Wort mit mir. So etwas habe ich sp?ter auch mit anderen Familienmitgliedern erlebt. Es interessierte keinen.

Kirche stand f?r massive Selbstunterdr?ckung. Unfolgsamkeit zog Pr?gel nach sich, zuhause wie beim Pastor. In der Kirche galt beispielsweise: lieber ersticken als husten. Mein Bruder brach einmal nach einem Festhochamt weinend zusammen: er hatte gedient, und eine der Wespen, die durch den ?ppigen Blumenschmuck angelockt worden waren, hatte sich in sein Hosenbein verirrt und in ihrer Panik mehrfach zugestochen. Mein Bruder hat nicht einen Laut von sich gegeben ? er hatte seine Lektion gelernt.

?Gott? war der, den ich f?rchten musste; und was sollte ich Gutes von einem Gott erwarten, an den die glaubten, die mich offensichtlich verachteten...

Meine Abkehr war radikal.

N?chste Etappe:

Und als ich mich umdrehte,
Und in die entgegengesetzte Richtung
davoneilte, kam er mir
Schon von weitem entgegen.
Und es war Gott, der Beliebige.



Als Alkoholikerin kam ich mit etwa 23 Jahren zu den AA. Die AA arbeiten mit einem spirituellen Programm; der Weg besteht in den Grundz?gen darin, das sich der Mensch wieder seiner Spiritualit?t ?ffnen kann, seine spirituelle Seiten entwickelt ? ohne dass dieses in eine bestimmte Religion eingebunden w?re. Wenn ich dann erz?hlte von dem, was Gott bis dahin f?r mich bedeutet hatte, sagte man mir: denk dir Gott doch ganz anders. Stell dir vor, Gott ist so und so... Das verwirrte mich vollst?ndig... F?r mich hie? das, ich solle mir meinen Gott selber basteln ? so, wie er mir gef?llt ? und das konnte es nicht sein.. Entweder ist er ? und dann ist er, wie er ist ? und nicht so, wie ich ihn gern h?tte. Oder er ist eben nicht...
Ich verlie? auch die AA wieder ? aber es war etwas geweckt in mir. Ich versuchte, genauer hinzuh?ren, versuchte unterschiedliche Arten und Weisen, mich dem Nicht-Sichtbaren zu n?hern, besch?ftigte mich mit NewAge, Astrologie und Tarot. Aber das verlief sich alles auch wieder. Zumindest bot es keine geistige Heimat.

Dritte Etappe

Und als ich verwirrt davonlief
Und Schutz suchte bei Gott, dem Herrn,
Nahm er mich bei sich auf
Und ich blieb, bis Furcht mich ?berkam,
Versto?en zu werden, wie andere vor mir.



Ich entdeckte bei einem Bekannten Publik Forum. Las auch bei verschiedenen Theologen. Insbesondere Dorothee S?lle hat viel mit ihrem B?chern dazu beigetragen, dass ich nicht mehr ?schreiend weglaufen? musste, wenn jemand ?Gott? sagte. Ich konnte anfangen, mich auch ?Gott? neu zu n?hern.

Vierte Etappe

Und als ich mich abwandte
Und Gott, dem Herrn, sagte:
?Du bist es nicht, den ich suche? ?
Fiel ich in bodenlose Tiefe
und Grauen griff nach mir.



Diese Neuann?herung dauerte mehrer Jahre. Ich besuchte verschiedene Kirchen und Gemeinden, suchte einen Ort, wo ich mich heimisch f?hlen konnte. Leider waren meine Erfahrungen auch hier wieder so, dass sich die Erfahrungen meiner Kindheit zu best?tigen schienen. Alles spitzte sich zusammen in dem Jahr, als ich den gro?en Zusammenbruch hatte. Mein Anerkennungsjahr als Sozialp?dagogin in einem Katholischen Jugendamt scheiterte - mein Verlobter wurde gewaltt?tig; als ich nach einem Gottesdienst in meiner Wahlgemeinde den Pfarrer nach dessen Predigt ?ber Gewalt gegen Frauen in Bosnien ansprach, weil seine Worte so klangen, als w?re hierzulande alles in Butter, was die Frauen abgeht, wurde ich niedergemacht und verlie? weinend sein B?ro. Trotzdem suchte ich weiter den Br?ckenschlag, jetzt bei der evangelischen Kirche. Die vierte Strophe bezieht sich auf ein Erlebnis dort, was die oben erw?hnten neun Monate des totalen ?berlebenskampfes einleitete:
Es war in einem Bibelkreis, kurz vor Weihnachten, und wir erarbeiteten das Gleichnis von den Knechten, die das Geld ihres Herrn verwalten sollten. (Mt 25, 14-30)
Meine tiefste Wunde riss auf... Angst hatte er ? und daf?r wurde er faul und b?se geschimpft ? genau wie meine Eltern mich immer beschimpft hatten ?, ja, er wurde verdammt. Ich konnte nicht bleiben, bekam heftige Panikanf?lle, lief hinaus ? und wurde krank. Auch ein Gespr?ch mit der Pastorin half nicht weiter. Wir fanden keine Deutung f?r das Gleichnis, die irgendwie ?annehmbar? gewesen w?re... Ich begriff, dass ich in dieser Kirche nie das Zuhause finden w?rde, dass ich suchte.

F?nfte Etappe

Und als mein Schrecken sich legte
Erkannte ich, dass die Tiefe,
In die ich st?rzte, Gott,
Das unbegreifliche Geheimnis, war
Und ich versuchte, fliegen zu lernen.


Ich glaube, zun?chst einmal erkannte ich das gar nicht; aber es war mein unb?ndiger Wunsch, dass es so sein m?ge: Dass wahr sein m?ge, was gl?ubige Menschen immer wieder behaupteten: dass der, den sie Gott nennen, letztlich in allem ist.

Dazu kamen Erfahrungen, die ich immer wieder machte, wenn ich an meiner ?u?ersten Grenze angekommen war. Da war die Zeit, in der ich mit meinem Hass k?mpfte und wimmerte und flehte, er m?ge aufh?ren, mich zu verbrennen... ? und etwas wie eine k?hle Hand meine Stirn streichelte und der Hass wie ein Fieber von mir wich ? f?r diesmal; denn es war noch ein langer, langer Weg, ihn zu verwandeln. Da war die Nacht nach einem untr?stlichen Tag, in dem ich im Traum von einem weisen Mann eine Geschichte geschenkt bekam ? eine Geschichte, die ich heute als meinen ganz pers?nlichen Mythos betrachte. Da war die Erfahrung des v?lligen Erkennens meines Lebens und allem was geschehen war ? als vollkommen. Da waren so viele Erfahrungen...
Das ist meine Antwort auf deine Frage, ob ich an Engel glaube...

Und jetzt bin ich mit euch unterwegs... Auch nicht mein erster Versuch... Es gibt so viele Verbindungspunkte zwischen mir und den Menschen, die sich ?christlich? nennen, dass ich den Kontakt doch immer wieder suche... Aber ich sp?re auch immer wieder das, was trennt. Vielleicht bin ich sogar deswegen letzte Woche krank geworden...

Es gibt noch zwei weitere Strophen ? aber f?r heute m?chte ich Schluss machen. Es ist sowieso viel zu viel geworden... Auch zu Anselm Gr?n habe ich nicht s weiter geschrieben ? ich habe mich sehr mit ihm auseinandergesetzt.

Was ich erz?hlt habe, ist nur das Grob-Ger?st; so wie der Stamm eine Baumes vielleicht; was den Baum ausmacht, sind aber unz?hlige Zweige und Zweiglein, und daran wieder ungez?hlte Bl?tter... ? erst alles zusammen ergibt den Baum... ? und nur alles zusammen k?nnte verstehbar machen...
Deshalb bitte ich: urteilt nicht, zieht keine voreiligen Schl?sse. Seid gewiss: wenn wir alles vom anderen w?ssten, w?rden wir ihn verstehen.

Es gr??t euch alle, ganz besonders Marie, die kraftvoll immer wieder ihren Glauben mit uns hier im Forum teilt,
Ninja, die so tapfer ihren Weg geht, Namenlos, die immer wieder wie ich selber an geschlossenen T?ren verzweifelt, Petra und Joe, die mir Hoffnung auf Dialog machten hier im Forum und Kate, die ihren ganz pers?nlichen Weg noch sucht...

M?gen wir uns in diesem Forum noch ?fter begegnen und Br?cken bauen, durch den Advent, zueinander und letztlich hin in die Wirklichkeit, die ihr Gott nennt.

Lorande

P.S. Ich danke dir Marie f?r deinen Segenswunsch... Und wei?t du, was ich mir immer wieder vorstelle: ein Engel f?r Lorande ? ich stelle mir vor, es g?be ihn. Was w?re dann anders? Was w?rde ich dann vielleicht doch an Leben mehr wagen k?nnen? ? Das bewegt sich noch in mir...




weihnachten...

eigentlich m?sste ich schreiben: Weihnachten, Karfreitag und Ostern. Das alles ist heute... und ich bin wieder mal einen Tag zu fr?h dran... aber daran ist nichts zu ?ndern...

Heute... und wieder keine worte...
Petra, ich glaube, du w?rdest mich verstehen...

Ich hab den PC angemacht, weil ich so gerne etwas von dem in mir herausschreien m?chte - aber es gibt kein Wort f?r diese Kraft, die mich zu sprengen droht...

Geweint heute, aus Verzweiflung, - und Tr?nen gelacht. Umarmungen, N?he eines anderen Menschen, und sogar eine Weihnachtsgeschichte vorgelesen: eine meiner liebsten... von Agatha Christie. Da staunt ihr, was? Sie hat einen wundersch?nen Band mit Erz?hlungen geschrieben: "Und es begab sich aber..." keine Spur von Krimi, sondern religi?se Erz?hlungen von solcher Tiefe, dass ihr staunen w?rdet...

Karfreitag: all das, was mich ?ngstigt, was mich das ganze Jahr 2005 terrorisiert hat: es ist nicht vorbei. Heute ein Brief vom Amt, auch drei Gutachten von drei Amtts?rzten reichen nicht aus... es geht weiter... Welch eine Qual jeder dieser Kontakte f?r mich bedeutet - wen interessierts...

So vieles was sich ver?ndert hat, was gewachsen ist - aber auch das, was zerst?ren will, die andere Seite - sie ist auch da, immer da.

Aber ich muss ihr nicht den Sieg ?berlassen. Sie ist da - aber das Rettende auch! Vielleicht - bin ich ja doch nicht allein...

Halleluja, m?chte ich singen, Halleluja.
Ich bin. Ich lebe. Dank, dank, dank!
Dank.